Skip to main content

Seit 15 Jahren hat Katharina keinen Kontakt mehr zu ihrem jüngsten Sohn Markus. Zu dessen Hochzeit war sie nicht eingeladen, zur Taufe ihres einzigen Enkels Florian auch nicht. Katharina beschließt, ihren Sohn Markus zu enterben und will dies testamentarisch regeln.

Der Erblasser ist frei, seine Erbfolge unabhängig von der gesetzlichen Erbfolge zu regeln. Eigentlich erbberechtigte Verwandte lassen sich per Testament aus dem Kreis der Erben ausschließen, indem man dies ausdrücklich hineinschreibt oder sie einfach gar nicht erwähnt. Ganz leer gehen nahe Angehörige meist allerdings trotzdem nicht aus, ihnen steht ein Pflichtteil zu (§ 2303 BGB).

Anspruch darauf haben zum einen die sogenannten Abkömmlinge. Das sind die leiblichen oder adoptierten Kinder oder – sofern diese nicht mehr leben – die jeweils nachfolgende Generation, also Enkel oder Urenkel. Ein Anrecht auf einen Pflichtteil sieht das Gesetz außerdem für Ehegatten oder eingetragene Lebenspartner sowie bei kinderlosen Paaren auch für die Eltern vor. Geschwister haben hingegen keinen Anspruch auf einen Pflichtteil.

Katharina fängt an zu rechnen: Wie groß ist der Pflichtteil für den Sohn Markus oder wenn dieser noch vor ihr stirbt, für ihren Enkel Florian? 

Der Pflichtteil besteht in Höhe der Hälfte des gesetzlichen Erbteils. Er ist ein Anspruch auf Auszahlung von Geld, der gegenüber den Erben geltend zu machen ist. Hinterlässt der Erblasser zwei Kinder, jeder der beiden Kinder eigentlich zu einhalb erbberechtigt ist, dann hat das enterbte Kind Anspruch auf ein Viertel des Nachlasses. Stirbt das enterbte Kind noch vor dem Erblasser stehen dessen Enkel ein Pflichtteil in gleicher Höhe zu.

Katharina will auf jeden Fall verhindern, dass Markus Miterbe ihres Hauses wird und das Haus letztendlich verkauft werden muss, weil ihr anderer Sohn Jürgen den Pflichtteil nicht so ohne weiteres aufbringen kann. Damals als sie das Haus gebaut hatten, waren die Bodenrichtwerte niedrig, aber jetzt. Und sie sollen noch weiter steigen. Aber vielleicht sollte sie das Haus schon jetzt ihrem Sohn Jürgen schenken, dann ist der Nachlass entsprechend geringer und der Pflichtteil ihres Sohns Markus fällt geringer aus?

Eine Schenkung reduziert das zu vererbende Vermögen nur, wenn sie lange vor dem Tod des Erblassers geschieht. Liegt sie weniger als ein Jahr zurück, wird ihr Wert bei der Berechnung des Pflichtteils berücksichtigt. Pro Jahr, das nach der Schenkung vergangen ist, können zehn Prozent des Wertes der Schenkung abgezogen werden. Nach zehn Jahren spielt die Schenkung für den Wert des Nachlasses abgesehen von zwei Ausnahmen keine Rolle mehr. Für Schenkungen, bei denen ein Nießbrauch eingeräumt wird und bei Schenkungen zwischen Ehegatten gilt die Zehnjahresfrist nicht.

Irgendeine Lösung muss es doch geben, denkt Katharina. Den Kontakt abgebrochen hatte ihr Sohn. Kein gemeinsames Weihnachten, kein Ostern, einfach nichts. Ist das nicht Grund genug, ihrem Sohn Markus, den Pflichtteil zu entziehen?

Die Möglichkeiten, den Pflichtteil zu entziehen, sind eng begrenzt. Nur wenn der Pflichtteilsberechtigte sich einer schweren Straftat gegen den Erblasser schuldig gemacht hat, beispielsweise das Kind versucht hat, seine Eltern umzubringen, kommt die Entziehung des Pflichtteils in Betracht. Dies ist tatsächlich sehr selten der Fall. Wenn der Pflichtteilsberechtigte schon zu Lebzeiten Geld haben will und nicht auf jahrelange Auseinandersetzungen nach dem Tod des Erblassers warten möchte, könnte man ihn eventuell gegen Zahlung einer Abfindung zu einem Verzicht auf den Pflichtteil bewegen.